Knorr-Bremse wehrt sich erfolgreich gegen chinesischen Fälscherring

7,6 Milliarden Euro verliert der deutsche Maschinen- und Anlagenbau durch Produktfälschungen jedes Jahr. Gegen Fälscher zu klagen ist schwierig; gewinnen noch schwieriger. Knorr-Bremse ist gerade dabei, den größten Copy-Cat-Fall der Firmengeschichte mit Erfolg abzuschließen.

Wer auf www.knorr-bremse.com nach Produktionsstandorten weltweit sucht, findet zwölf Einträge allein für China. Bekannte Namen wie Peking oder Shanghai sind darunter. Für Hongkong listet die Suchmaschine die Asia Pacific Holding auf, die Hauptverwaltung von Knorr-Bremse für diese Region. Umso erstaunter waren die dortigen Kollegen, als sie bei einer Routine-Kontrolle auf eine Internetseite von „Knorr-Bremse Limited“ mit Sitz in Hongkong stießen. Gundula Mattusch, Mitarbeiterin der Corporate IP Abteilung von Knorr-Bremse in München: „Wer den Namen im Netz gefunden hat und sich mit der Materie nicht auskennt, ist sicher davon ausgegangen, dass es sich um eine autorisierte Tochterfirma handelt.“ War es aber nicht.

Ein leider ganz realer Wirtschaftskrimi

Die Entdeckung der Website und die falsche Firmenadresse waren der Ausgangspunkt für äußerst aufwändige Ermittlungen. Ermittlungen, deren Details nichts von einem Drehbuch für einen waschechten Hollywood-Thriller vermissen lassen. Die wichtigsten Akteure: Beauftragte Detektive, eine Schar lokaler Anwälte, Strohmänner, mühsam aufgebaute Geschäftsbeziehungen zu den Fälschern, gefälschte Produkte, die auf geheimnisvolle Weise kurz vor der Übernahme vom Hof verschwinden, ein lokaler Offizieller, der sich aus Angst um Leib und Familie aus dem Fall zurückzieht, ein weiterer Offizieller, der aus einer anderen Region Chinas getarnt hinzugezogen wird, regional zuständige Behörden, die den Fall durch bürokratische Hürden hinauszögern, ein Urteil in erster Instanz, das aus Sicht von Knorr-Bremse die erdrückende Beweislage – gelinde gesagt – ignoriert und schließlich, nach vielen Volten und Finten, ein Happyend.

Fälscher, die behaupten, man selbst zu sein

In monatelanger Kleinarbeit stellt sich heraus, dass es sich bei „Knorr-Bremse Limited“ um einen ganzen Fälscherring handelt. Die Beteiligten Firmen begnügen sich nicht damit, die eigenen Produkte lokal unter dem Namen des Weltmarktführers zu verkaufen. Man plant Größeres und kopiert dabei so ziemlich alles, was geht: Großer Firmenschriftzug an der Werkseinfahrt, das Produkt inklusive Knorr-Bremse Firmenlogo, Umverpackung im Original-Design. Selbst die verwendeten Internetadressen sind dem Original zum Verwechseln ähnlich. Dazu kommen entsprechende Handelsregistereinträge. Mattusch: „Offensichtlich wollte man das Geschäft im Inland ganz offiziell laufen lassen und plante den Sprung ins Ausland. Wer weltweit 40 Markennamen anmeldet, möchte im großen Stil expandieren. Auch Produktionskapazitäten von rund 2,5 Millionen Bremsbelägen pro Jahr sind ein klarer Hinweis darauf, dass man auf internationaler Bühne mitspielen wollte.“ Die offensichtliche Devise der Produktpiraten: nicht unauffällig kleckern, sondern wenn schon unverschämt, dann klotzen.

Christian Hamann, Patentanwalt und Leiter Corporate IP der Knorr-Bremse AG
Wer weltweit 40 Markennamen anmeldet, möchte im großen Stil expandieren. Auch Produktionskapazitäten von rund 2,5 Millionen Bremsbelägen pro Jahr sind ein klarer Hinweis darauf, dass man auf internationaler Bühne mitspielen wollte.

Gundula Mattusch – Patentanwältin in der Corporate-IP-Abteilung in München

Ein Geschäftsmodell, das Sicherheitsrisiken in Kauf nimmt

Millionen Bremsbeläge, im Verkauf für 50 bis 60 Prozent des regulären Preises, null Entwicklungskosten, null Marketingkosten, das alles unter einem Markennamen, der in der Branche einen Ruf hat wie Donnerhall – ein äußerst lukratives Geschäftsmodell. Juristisch allerdings auf ganz dünnen, tönernen Füßen. Und die Produktqualität?

Um das prüfen zu können, musste man erst einmal an die gefälschten Bremsbeläge herankommen. Mattusch: „Um unseren Fall juristisch so wasserdicht wie möglich zu machen, wollten wir unter Beisein eines Notars eine Lieferung von gefälschten Belägen vor Ort persönlich in Empfang nehmen. Fotos der palettierten Ware konnten die von uns engagierten Ermittler machen. Doch kurz vor der Übergabe verschwanden die Teile vom Hof.“

Online war die Bestellung dagegen kein Problem. Über chinesische Strohmänner war das eine Sache von wenigen Tagen. Per Express ging die Charge nach München in die hauseigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Nicht nur die Patentanwälte wollten wissen, was die angeblichen Marken-Beläge hergeben. Christian Hamann, Leiter der IP Abteilung von Knorr-Bremse: „Rein äußerlich glichen sich Original und Fälschung für unsere Augen wie ein Ei dem anderen.“ Am Ende des üblichen Testparcours war allerdings auch den Anwälten klar: technisch gesehen stammten Original und Fälschung quasi von unterschiedlichen Planeten ab. Hamann: „Wir können nicht sagen, welchen landesspezifischen Standards die Fremdprodukte entsprechen sollten. Europäischen entsprachen sie jedenfalls nicht und unseren eigenen hohen Standards sowieso nicht.“ Allein ein 14fach höherer Verschleißfaktor spricht Bände. Hamann: „Über die Qualität der Serie können wir nichts sagen. Dafür war die Charge, die wir überprüft haben, zu klein. Aber gemessen an unseren Testergebnissen ist nicht auszuschließen, dass solche Beläge in Extremsituationen einfach zerbröselt wären. Unverantwortlich.“

Ein Happyend, das nicht ganz ungetrübt ist

Mit mehr als 50 Einzelmaßnahmen ging Knorr-Bremse gegen die unlauteren Wettbewerber vor. Die wichtigsten beiden Elemente: Klagen wegen Marken- und Patentrechtsverletzung vor lokalen Gerichten. Inzwischen hat die zweite Instanz die Markenrechtsverletzung bestätigt. Alle entsprechend produzierten Produkte wurden zerstört, die Internetadressen gelöscht, die Einträge in den Handelsregistern getilgt. Die Entscheidung über die Patentverletzung steht noch aus. Trotzdem ist Hamann schon jetzt froh über das Ergebnis: „Unser größter Triumph ist, dass das oberste chinesische Gericht unseren Fall als einen von 50 Referenzfällen anerkannt hat. Diese Referenzfälle bilden die Basis für zukünftige Markenstreitverfahren in ganz China.“

Fast drei Jahre zieht sich die Sache inzwischen hin. Gelohnt, sagt Hamann, habe sich der Klageweg, daran wolle er keinerlei Zweifel lassen. Aus Copy Cats, die nicht wie hier in einer frühen Phase gestoppt werden, erwachsen oft ernstzunehmende Wettbewerber, die nicht mehr auf die Rufausbeutung bekannter Marken bzw. das Kopieren fremder Technologie angewiesen sind. Allerdings könne er jede Firma verstehen, die den enormen Aufwand scheut. Wen wundert’s, dass der Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in seiner jüngsten Studie zum Thema Produktpiraterie festgestellt hat, dass immer weniger Unternehmen sich diese Mühe machen.