
Im Vorfeld der IAA Transportation 2026 in Hannover spricht Truck-Vorstand Bernd Spies über die Transformation der Nutzfahrzeugindustrie und zeigt, wie Knorr-Bremse die Themen Zero Emission, automatisiertes Fahren und Digitalisierung vorantreibt.
Herr Spies, die Nutzfahrzeugindustrie befindet sich seit Jahren im Wandel. Was macht die aktuelle Transformation so besonders?
Vor allem die Geschwindigkeit und die Gleichzeitigkeit der Veränderungen. Neue Antriebe, automatisierte Fahrfunktionen und digitale Systeme verändern das Nutzfahrzeug parallel und grundlegend. Das wirkt weit über die Technologie hinaus bis in Fahrzeugarchitekturen, Geschäftsmodelle und Wettbewerbsstrukturen. Zugleich entwickeln sich die Märkte regional sehr unterschiedlich, wie auch die regulatorischen Anforderungen. Diese Kombination macht die Transformation anspruchsvoll, eröffnet aber auch enorme Chancen.
Wie unterschiedlich entwickeln sich die Nutzfahrzeugmärkte derzeit?
Wir befinden uns weiterhin generell in einem schwierigen Marktumfeld. In Europa und in Nordamerika haben wir einen sehr verhaltenen Markt. In China zeigt sich eine enorme Dynamik bei der Elektrifizierung. Diese Unterschiede prägen die Entscheidungen unserer Kunden. Gleichzeitig gibt es einen klaren gemeinsamen Nenner: Die Technologien entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit, aber der Markthochlauf hängt stark davon ab, ob Infrastruktur, Regulierung, Gesamtbetriebskosten und Förderprogramme zusammenpassen. Mitentscheidend ist dabei also auch frühzeitig Klarheit über die regulatorischen Rahmenbedingungen zu haben. Hersteller weltweit suchen deshalb nach Lösungen, um ihre Fahrzeuge effizienter und sicherer zu machen sowie stärker zu vernetzen.
Welche Antwort gibt Knorr-Bremse darauf?
Unsere Antwort ist, Komplexität beherrschbar zu machen und Lösungen für die Anforderungen von morgen anzubieten. Dafür haben wir unsere globale Organisation weiterentwickelt und unseren Innovationsansatz klar fokussiert. So können wir unsere Kunden weltweit bei der Umsetzung neuer Fahrzeugarchitekturen unterstützen – mit Innovationen, die messbaren Nutzen schaffen, flexibel integrierbar und wirtschaftlich skalierbar sind. Deshalb verstehen wir uns als Entwicklungspartner der OEMs.
Wie wird dieser Anspruch auf Ihrem IAA-Stand sichtbar?
Im Mittelpunkt unseres Standes stehen unser Center Display und unser Communication Center. Dort zeigen wir anhand von Exponaten und digitalen Anwendungen, wie wir konkrete Antworten auf zentrale Marktanforderungen geben – von Zero Emission über Redundanz und automatisiertes Fahren bis zu Verkehrssicherheit und digitalen Services. Besucher erleben damit nicht nur einzelne Produkte, sondern den Zusammenhang zwischen technologischen Entwicklungen, neuen Fahrzeugarchitekturen und den Anforderungen der Praxis. Gleichzeitig führen wir unser nachhaltiges Standkonzept fort: Wir setzen erneut auf wiederverwendbare Container und nutzen Exponate sowie digitale Inhalte anschließend für eine Truck-Roadshow. So führen wir den Kundendialog über die Messe hinaus fort.
Bernd Spies
Bernd Spies verantwortet als Mitglied des Vorstands der Knorr-Bremse AG seit 2022 weltweit die Division Systeme für Nutzfahrzeuge.

Neue Fahrzeugarchitekturen sind ein großes Thema. Was verändert sich?
Neue Fahrzeugarchitekturen entstehen nicht mehr allein aus einzelnen Komponenten. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Hardware, Software und Daten. Funktionen werden stärker vernetzt, Systeme müssen kompakter, flexibler und softwarefähiger werden – und sich möglichst reibungslos ins Fahrzeug integrieren lassen. Für uns bleibt Verkehrssicherheit dabei das zentrale Leitprinzip. Denn neue Fahrzeugkonzepte können nur erfolgreich auf die Straße gebracht werden, wenn sie zuverlässig und sicher funktionieren. Ein Beispiel dafür ist Electric Power Steering: Die vollelektrische Lenkung unterstützt Effizienz, E-Mobilität und automatisiertes Fahren.
Wo steht der Industrietrend Zero Emission heute – und was leistet Knorr-Bremse?
Neben der Verkehrssicherheit bleibt Zero Emission im Straßentransport das klare Ziel. Der Weg dorthin ist jedoch nicht einheitlich. Unsere Kunden weltweit brauchen skalierbare Lösungen, die zu ihren Fahrzeugkonzepten, Anwendungen und Marktbedingungen passen. Für uns geht es dabei nicht nur um die Reduktion von CO₂. Zero Emission bedeutet auch mehr Energieeffizienz, weniger Lärm sowie geringere Öl- und Partikelemissionen. Hier bringen wir unsere Systemkompetenz ein – ohne Kompromisse bei Sicherheit und Performance. Ein konkretes Beispiel ist unser neuer ölfreier elektrischer Multi Tumble Piston (MTP) eCompressor, den wir auf der IAA erstmals zeigen. Der MTP steht für eine effiziente, geräuscharme Druckluftversorgung in elektrifizierten Nutzfahrzeugen.

Neben der Verkehrssicherheit bleibt Zero Emission im Straßentransport das klare Ziel.
Wird automatisiertes Fahren heute realistischer bewertet?
Ja, die Diskussion ist realistischer geworden. Automatisiertes Fahren wird kommen, aber nicht in jedem Markt und nicht in jeder Anwendung zur gleichen Zeit. Erste Einsatzszenarien sehen wir vor allem im Hub-to-Hub-Verkehr. Entscheidend ist, dass die notwendigen Technologien Schritt für Schritt marktreif werden. Und Marktreife bedeutet hier vor allem Sicherheit und Verfügbarkeit. Mit zunehmender Automatisierung verlagert sich die Verantwortung vom Fahrer auf das Fahrzeug – und damit auf die Technik. Dafür braucht es robuste, ausfallsichere und redundante Fahrzeugarchitekturen, in denen sicherheitskritische Funktionen wie Bremsen und Lenkung auch im Fehlerfall verfügbar bleiben. Denn am Ende zählt nicht die spektakuläre Demo, sondern der zuverlässige Serieneinsatz. Die bevorstehende Serienreife unseres redundanten Bremssystems rGSBC ist dafür ein wichtiger Meilenstein.
Welche Rolle spielt Digitalisierung für Knorr-Bremse – vom Fahrzeug bis in den Aftermarket?
Digitalisierung endet für uns nicht beim einzelnen Fahrzeug. Software prägt immer mehr Funktionen, Fahrzeuge erzeugen mehr Daten und daraus entstehen neue Möglichkeiten für vernetzte Services – vom OE-Geschäft über den Betrieb bis in den Aftermarket. Entscheidend ist, dass Daten in konkreten Nutzen übersetzt werden wie höhere Fahrzeugverfügbarkeit, effizientere Wartungsprozesse und wirtschaftlichere Flotten. Auch KI gewinnt dabei an Bedeutung, etwa für schnellere Prozesse und in der Produktentwicklung. Ich denke hier zum Beispiel an ein Pilotprojekt in Indien: Dort unterstützen KI-Agenten die Softwareentwicklung für Bremssteuerungen mit automatisierten Qualitätschecks.
Welche Rolle spielt dabei die CVS Service Platform?
Mit der CVS Service Platform treiben wir die Transformation des Aftermarkets weiter voran. Anwendungen wie TRAVIS, PleaseFix oder WESP CV unterstützen Planung, Steuerung und Optimierung von Serviceprozessen. Gemeinsam mit Partnern wie Cojali erweitern wir unser Diagnose- und Serviceangebot konsequent. Unser Ziel ist es, den Aftermarket effizienter und transparenter zu machen – für Flottenbetreiber, Werkstätten und Distributoren.



Wie also kann die Transformation des Nutzfahrzeugmarkts gelingen?
Entscheidend ist, dass technologische Entwicklung und Markthochlauf zusammenpassen. Neue Technologien erfordern hohe Investitionen und lange Entwicklungszyklen. Deshalb brauchen Hersteller, Zulieferer und weitere Partner früh ein gemeinsames Verständnis davon, welche Lösungen technisch sinnvoll sind und sich am Markt tragen. Gleichzeitig braucht Innovation verlässliche Rahmenbedingungen. Unternehmen müssen wissen, welche Anforderungen künftig gelten – etwa bei EURO 7 oder im Bereich Infrastruktur. Nur dann können sie Investitionen gezielt planen und neue Technologien in die Anwendung bringen.
Sie haben den Markt als aktuell herausfordernd beschrieben. Warum blicken Sie optimistisch nach vorne?
Weil wir weltweit eine enorme Innovationskraft erleben. Die Nutzfahrzeugindustrie denkt zentrale Grundlagen neu – von der Fahrzeugarchitektur bis zu digitalen Geschäftsmodellen. Wer in dieser Phase nur auf Unsicherheiten schaut, übersieht die Dynamik, die daraus entsteht. Für Knorr-Bremse ist das eine klare Wachstumschance. Wir richten unsere Innovationspipeline auf mehr Content per Vehicle aus und zeigen auf der IAA Transportation, was das konkret bedeutet: Zero Emission, Automatisiertes Fahren und digitale Services. Entscheidend ist jetzt, diese Technologien gemeinsam mit Kunden und Partnern in die Anwendung zu bringen.